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Mit der Liebe gegen den Kollektivzwang

 Quelle:  spiegel online

Er war ein Nationalkünstler Polens, der immer wieder mit den Mächtigen über Kreuz lag: Andrzej Wajda hat in seinen Filmen ein Mosaik des Lebens mitten in den brutalen Strömungen der Geschichte entworfen.

 

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Andrzej Wajda hat die Geschichte stets persönlich genommen. Er konnte vermutlich gar nicht anders, sein Vater wurde 1940 in Katyn zusammen mit Tausenden anderer polnischer Offiziere von den Sowjets ermordet. Erst spät, im Jahr 2007, sieben Jahre nachdem er den Oscar für sein Lebenswerk gewonnen hatte, kam „Das Massaker von Katyn“ in die Kinos, das Historie – auch – als Familiengeschichte erzählt. Ähnlich tat Wajda dies 2013 noch einmal in seinem Politikerporträt „Walesa: Der Mann aus Hoffnung“, das, wie er fand, „das schwierigste Thema behandelt, mit dem ich mich im Verlauf meines 55-jährigen Filmschaffens je befasst habe“. Ein Aufbruch, auch am Ende. Wie passend.Die Hoffnung, so darf man den 1926 in Suwalki im Nordosten Polens geborenen Regisseur wohl verstehen, ist ungleich schwieriger zu beschreiben als das Verbrechen. Aber die Geschichte persönlich zu nehmen heißt eben auch, sie in Personen zu reflektieren – nicht immer in denen freilich, die diese Geschichte gestaltet haben, in ihren Subjekten, sondern auch in denen, die sie durchleiden mussten, ihren unfreiwilligen Objekten.Es sind kaum Nazis zu sehen in „Der Kanal“ von 1957, es treten wenige Stalinisten ins Bild in „Asche und Diamant“ aus dem Jahr 1958. Und was die Verfolgten aus ihrem Objektstatus hinausziehen konnte, tatsächlich oder bloß scheinbar, hoffnungsvoll oder trügerisch, erlösend oder wiederum verletzend, war bei Wajda immer wieder die Liebe. Das gilt auch für „Eine Generation“, Wajdas Langfilmdebüt von 1955, in dem der junge Roman Polanski eine kleine Rolle spielte. Wajda, der zunächst drei Jahre an der Akademie der Schönen Künste in Krakau studiert hatte, schloss mit diesem Film sein Studium an der Filmhochschule Lodz ab. Doch anders als sein Kommilitone Polanski, anders auch als Jerzy Skolimowski oder Krzysztof Kieslowski, stürzte Wajda sich mit seinen Filmen hinein in die Umbrüche der polnischen Geschichte, jahrzehntelang, bis zum Ende.Sympathie für Solidarnosc1973 adaptierte Wajda, der längst auch schon als Theaterregisseur reüssiert hatte, Stanislaw Wyspianskis Drama „Die Hochzeit“; 1975 drehte er „Das gelobte Land“, beides Blicke zurück in die Sozial- und Industrialisierungsgeschichte Polens. 1977 begann mit „Der Mann aus Marmor“ eine Trilogie, die das Versprechen des Kommunismus an seiner Wirklichkeit maß, deren zweiter Teil, „Der Mann aus Eisen“, in einem knappen halben Jahr mehr als fünf Millionen Besucher allein in Polen in die Kinos lockte und die Goldene Palme beim Filmfestival von Cannes gewann.Im Dezember 1981 wurde in Polen das Kriegsrecht verhängt, Sympathisanten von Lech Walesas Solidarnosc wie Wajda waren gezwungen, ihre Produktionen nun im Ausland zu realisieren: Es sollte länger als 30 Jahre dauern, bis Wajda, der nach dem Umbruch von 1989 sogar zwei Jahre als Senator in der zweiten Kammer des neu konstituierten polnischen Parlaments saß, seine Trilogie abschließen konnte.Immer wieder Eingriffe der Zensur Es fällt schwer, mit diesem Werk und dieser Biografie nicht in die steife Rolle eines Nationalkünstlers gedrängt zu werden. 2002 gründete Wajda eine nach ihm benannte Filmhochschule in Warschau. Die Superlative, die immer wieder seine Bedeutung für das polnische Filmschaffen hervorheben, sind kaum noch zu zählen.Doch seinen Arbeiten geht jeder Hang zur Verklärung ab, sie installieren die – allzu oft zum Scheitern verurteilte – Romanze gegen den Kollektivismus und die Katastrophe gegen die Heldenverkitschung. Ersteres schien den kommunistischen Machthabern bürgerlich, Letzteres griff sie direkt an. Kein Wunder, dass Wajda immer wieder mit Eingriffen der Zensur zu kämpfen hatte und mit ihnen leben musste.Umso erstaunlicher aber, dass sein Gesamtwerk in der Rückschau genauso wie einzelne seiner Werke dennoch so homogen erscheinen. Und dabei geht es eigentlich nur in zweiter Linie um den Einfluss von Parteifunktionären, die in den Montageprozess hineinpfuschten, sondern vielmehr um die Vielfalt an Quellen und Stilistiken, die Wajda in seinen Filmen vereinte. Viele auch der explizit politischen seiner Filme basieren auf literarischen Vorlagen, immer wieder findet sich dokumentarisches Archivmaterial in der historischen Halbfiktion.Die Kunst soll frei seinSo gesehen war Wajda Journalist und Poet, Romantiker und Chronist, und all das gleichzeitig. In seinen schwächeren Arbeiten, und auch solche gibt es natürlich, scheint das eine das andere beglaubigen zu wollen, scheint der Schmerz der historischen Gewalt nur spürbar werden zu können, wo er ästhetisch überhöht dem einzelnen Exemplar der Menschheit widerfährt. In den stärksten aber entfaltet sich ein Mosaik des Lebens mitten in den brutalen Strömungen der Geschichte.Der Staat habe nicht über die Kunst zu bestimmen, sagte Wajda zu seinem letzten Film „Nachbilder“. Im letzten Satz des Interviews mit SPIEGEL ONLINE sprach er von der Hoffnung, noch zu erleben, wie die gegenwärtig katholisch-nationalkonservativ geprägte polnische Demokratie zu den europäischen Normen zurückkehrt. Andrzej Wajda ist am 9. Oktober in Warschau gestorben.

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