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Boulez-Saal Berlin

Architektur und Musik„Ich will die Ovale, bitte, bitte!“

Noch ein gigantischer Konzertsaal: In Berlin eröffnet die Barenboim-Said-Akademie den Pierre-Boulez-Saal. Die Architektur ist sensationell, der Klang überwältigend – und das Konzept hochpolitisch.

Von Julia Spinola   (Süddeutsche Zeitung)

Hoch oben im Rang, den die elliptische Architektur des Saales optisch im Raum schweben lässt, spielt der Klarinettist und Komponist Jörg Widmann seine Fantasie für Klarinette solo. Es ist ein aberwitzig irrlichterndes Selbstportrait, das der mehrfach begabte Künstler sich 1993 selbst auf den Leib komponiert hat. In kaleidoskopisch wechselnden Stimmungen und Idiomen scheint er hier in tausend musikalischen Sprachen gleichzeitig zu sprechen. Es klingt, als träten verschiedenste Identitäten in einen turbulenten Dialog miteinander. Und während Widmann sich mit einer technischen Perfektion sondergleichen in dieses musikalische Abenteuer wirft, geschliffen artikulierend noch in den extremsten Wechseln des musikalischen Tonfalls, blickt man in das vor Bewunderung starre Gesicht von Matthias Glander, dem ebenfalls brillanten Vorzeige-Klarinettisten der Berliner Staatskapelle. Er sitzt unten im Parkett, mitten im Publikum, auf der anderen Seite des arenaförmigen Saales, und bricht nach dem letzten Ton in begeisterten Beifall aus.

Die Architektur ermöglicht eine optische Kommunikation vom Zuhörer zur Bühne und innerhalb des Publikums

Es ist einer der Vorzüge des neuen Berliner Konzertsaales, dass seine außergewöhnliche Architektur eine optische Kommunikation nicht nur vom Zuhörer zur Bühne, sondern auch innerhalb des Publikums ermöglicht. Statt nur auf den Rücken des Vordermanns zu blicken, kann man das Auge weit durch den Saal schweifen lassen, ohne dabei die Bühne aus dem Blick zu verlieren. Das lenkt keineswegs vom Zuhören ab, sondern schafft im Gegenteil eine befreite, gelöst-konzentrierte Atmosphäre, in der sich gleichsam die geistigen Energien der gesamten Hörerschaft bündeln können.

Einen idealeren Raum hätte sich Daniel Barenboim für sein aufklärerisches Konzept des „denkenden Ohres“ nicht ausmalen können, als ihn der amerikanische Architekt Frank Gehry für das ehemalige Magazin der Staatsoper Unter den Linden am Bebelplatz entworfen hat. Gehrys erste Skizze, ein wildes Gekritzel ineinander verschlungener Ovale, prangt nun als Logo auf den Publikationen des Saales. Dass diese erste Vision es tatsächlich bis zur spektakulären architektonischen Realität geschafft hat, ist freilich nur Barenboims Hartnäckigkeit zu verdanken, der alle von der Ursprungsidee abweichenden Pläne Gehrys mit den Worten „Frank, ich will die Ovale, bitte, bitte, bitte“ rigoros abgelehnt hatte. Die Akustik richtete der Japaner Yasuhisa Toyota ein, der auch für die Akustik der Elbphilharmonie verantwortlich zeichnet. Beide, Toyota wie Gehry, haben ihre Arbeiten als Geschenk zur Verfügung gestellt.

Zwei Ellipsen prägen die holzvertäfelte Architektur, deren Achsen so gegeneinander verschoben sind, dass der Anblick des wellenförmigen Rangs einen Eindruck von Schwerelosigkeit vermittelt. Rund 680 Plätze sind wie in einer Arena rund um das Zentrum der Bühne angeordnet und schaffen eine intime Kammermusikatmosphäre. Zugleich handelt es sich um eine frei konfigurierbare „Salle Modulable“, wie sie sich der Namensgeber Pierre Boulez schon 1989 (vergeblich) für die Pariser Bastille-Oper erträumt hatte: Die Sitzreihen im Parkett lassen sich so verschieben, dass mindestens vier verschiedene Saalvarianten realisiert werden können.

Die Intimität des Saales gehört zum ästhetischen Gesamtkonzept einer humanistischen Idealen verpflichteten Ausbildungsstätte, die Musik als geistige Kraft im Kontext von Philosophie und Geisteswissenschaften begreifen möchte. Alles ist auf Kommunikation, auf genaues Hinhören, auf das Ermöglichen vielfältigster Perspektiven hin angelegt. Dieser Saal ist nicht nur ein eigenständiger Veranstaltungsort, sondern auch die „Aula“ der Barenboim-Said Akademie, die im vergangenen Herbst ihre Türen für Studierende aus Israel und den arabischen Ländern geöffnet hat. Ermöglicht hat sie nicht zuletzt ihr Gründungsdirektor, der ehemalige Kulturstaatsminister Michael Naumann.

Der Geist von Barenboims West Eastern Divan Orchester, den die Akademie mit ihrem geisteswissenschaftliche und musikalische Lerninhalte verknüpfenden Curriculum auf eine neue Ebene hebt, spiegelt sich auch in den 60 Veranstaltungen der ersten, halben Konzertsaison. Werke der Tradition, Klassiker des 20. Jahrhunderts, zeitgenössische Werke, Jazz und Musik aus der arabischen Welt stehen sich oft im gleichen Konzert gegenüber: nicht um einer poppigen Buntheit willen, sondern um einander durch die wechselnden Standpunkte zu erhellen. Musik als eine übergreifende, universelle Sprache erfahrbar zu machen, lautet das Ziel. Es ist aktueller denn je. Und so erklärt sich die großzügige Förderung des Bundes, der nicht nur den Umbau des alten Magazingebäudes mit rund zwei Dritteln der Gesamtkosten von 35 Millionen Euro finanzierte, sondern mit einem Etat von 7,2 Millionen und Stipendien für die Studierenden auch den Betrieb von Akademie und Saal ermöglicht.

Das Pierre-Boulez-Ensemble und sein Eröffnungsprogramm

Das Eröffnungsprogramm brachte mit Werken von Mozart, Schubert, Alban Berg, Jörg Widmann und Pierre Boulez die Programmatik des Saales zum Ausdruck. Vom Solo-Stück Jörg Widmanns über die Liedkomposition „Der Hirt auf dem Felsen“ von Schubert, Mozarts Es-Dur-Quartett KV 493 für Klavier, Violine, Viola und Violoncello, Alban Bergs Kammerkonzert für Klavier, Geige und 13 Bläser und dem klangmächtigen „sur Incises“ für drei Klaviere, drei Harfen und drei Schlagzeuger von Pierre Boulez wurden die Qualitäten des Saales mit unterschiedlichsten Besetzungen erprobt. Dass aus dieser Werkkombination ein untergründig kommunizierendes und suggestives Ganzes wurde, war Barenboims inspirierter, in jedem Takt sprechender und plastischer musikalischer Leitung zu verdanken und den fabelhaften Musikern. Neu gegründet wurde das Pierre Boulez Ensemble, das in wechselnden Besetzungen aus Musikern der Staatskapelle, des West Eastern Divan Orchesters und Studierenden der Akademie künftig als Hausensemble fungieren wird.

Die Musik klingt so durchsichtig, so unmittelbar, als säße man mittendrin in der Musik

Barenboims Sohn, der Geiger Michael Barenboim und der Pianist Karim Said, der Neffe des palästinensischen Literaturwissenschaftlers Edward Said, waren die Solisten in Bergs Kammerkonzert, das wie ein Bindeglied zwischen Mozart und Schubert auf der einen und Boulez auf der anderen Seite wirkte. Anna Prohaska schenkte Schuberts Gesangsszene warm flutende, leuchtende Soprantöne. Barenboim selber zeigte sich in der Schubert-Komposition und in Mozarts Klavierquartett als traumwandlerisch sicher phrasierender Pianist.

Und der Saal? Wie klingt er nun? Großartig und genauso, wie es dem Geist des Hauses entspricht, möchte man antworten: Durchsichtig und transparent entfalten sich die Klänge, dabei zugleich mit einer großen Direktheit und Unmittelbarkeit des Erklingens, so, als säße man mittendrin in der Musik. Natürlich könnte man nun noch die einzelnen Schwächen und Vorzüge der unterschiedlichen Höreindrücke von den unterschiedlichen Plätzen aus geschmäcklerisch gegeneinander abwägen und nach dem Vorbild einer Weinkritik eine detaillierte Geschmacksanalyse erstellen. Doch wozu dieser Fetischismus? In diesem Saal stehen künftig der Geist und die Seele der Musik im Zentrum der Aufmerksamkeit. Hifi-Kulinarik kann man auch zu Hause haben.

Veröffentlicht unter: Kultur, Musik

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